Keyboard und Gesang Semi-Professionell aufnehmen und abmischen

„Urban Twins“, das sind wir. Patrick und Andreas

Vor zwei Jahren haben ein guter Freund und ich uns dazu entschlossen einige Titel aufzunehmen. Genau genommen hatten wir uns schon 1983 Jahren dazu entschlossen. Aber wie das Leben so spielte, kam damals alles anders. Jetzt sind wir also endlich dabei. Technik und Keyboard sind hier mein Part, Patrick macht Gesang und Background.

Ich werde hier erzählen, wie wir aus technischer Sicht den Weg zur Semi-Professionellen Aufnahme gefunden haben. Wie der Weg auf der organisatorischen Seite war, welche Titel verwendet wurden und was die Gema dazu sagte, beschreibt Patrick auf seiner Webseite.  http://www.patric-wolf.eu

Ich bin ein Technikfreak. Schon immer habe ich meine PCs selbst zusammen gebaut. Lötkolben und Lötzinn verwende ich seit ich einen Lötkolben in der Hand halten kann. Musik gehört ebenfalls zu meinem Leben. Mit 13 Jahren begann ich Keyboard zu spielen. Dann folgten Posaune und Horn. Das ist nun 35 Jahre her.

Was wir zu Beginn zur Verfügung hatten waren:
– Tyros 3 Keyboard
– Phillips Mikrofon

Mehr nicht. Aber aus heutiger Sicht zumindest ein Anfang um festzustellen, ob man überhaupt miteinander etwas (er-)schaffen kann. Wir haben jedenfalls unseren Weg gefunden.

1. Keyboard
Das Tyros3 hatte ich mir 2009 gekauft, gleich als es auf den Markt kam. Zu dem Zeitpunkt war es das größte Entertainer Keyboard das man kaufen konnte. Später habe ich eine Erweiterung um Chorstimmen dazu gekauft. Hierfür brauchte man übrigens auch eine 4GB Speichererweiterung im Tyros3.

2. Das Mikrofon ist ein Gesangsmikrofon von Phillips. Hier ist der richtige Abstand zum Mikro wichtig. Der ist aber schnell ermittelt. Balle Deine Hand zur Faust. Spreize nun Daumen und kleinen Finger weit ab. Diese Fingerspanne ist der Abstand vom Mund zum Mikro.

Unbedarft wie wir waren, fingen wir einfach an. Das Mikrofon wurde direkt in den Eingang des Keyboard angeschlossen und die Aufnahme erfolgte auf der internen Festplatte. Alles kein Problem – dachten wir. Wir experimentierten herum und merkten schnell dass das Volumen fehlte. Also testeten wir den Vocal Harmonizer der aus einer Stimme mehrere Stimmen macht. Ich spielte also und Patrick sang dazu. Aber um es kurz zu fassen: Das Ergebnis war nicht brauchbar.

Da wir im gemeinsamen Spiel/Gesang bisher ungeübt waren, gab es mehrere Probleme die ich wie folgt zusammenfassen will

3. Niemals Gesang und Keyboardspiel gleichzeitg aufnehmen, sondern erst den Titel einspielen (oder Midi verwenden) und dann den Gesamg darüber legen.
4. Vocal Harmonizer sind für Alleinunterhalter nett, aber nicht für halbwegs professionelle Aufnahmen. Also abschalten. Stattdessen muss der Gesang mehrfach aufgezeichnet und übereinander gelegt werden.
5. Das Mikrofon korrekt aufstellen. Jedes Mikro hat seine eigene Bauform. Also gut beraten lassen! In unserem Fall durfte das Mikrofon nicht aufgehängt werden, sondern brauchte einen Ständer.

Aber da war noch ein weiteres Problem: Rückkopplung und Verzerrung der Gesangsstimme. Das passiert, wenn der Gesang nicht völlig getrennt vom Instrumental aufgenommen wird. Dann wird über das Mikrofon das Instrumental nochmals aufgenommen. Legt man das über das korrekte Instrumentalstück, dann hört sich das schlimm an.

Man kann unsere Versuche bis zu diesem Punkt als „Laienhaft“ betrachten. Mit unserer Entscheidung mehr Technik einzusetzen und mehr Regeln zu beachten, beschritten wir die Stufe des Semi-Professionellen.

Was wir also brauchten war:
6. Trennung der Gesangsaufnahme vom Instrumental.
7. Geschlossener Kopfhörer. Den braucht der Sänger damit er das Instrumental und seine Stimme hört, während das Mikrofon nur die Stimme aufzeichnet.
8. Ein zweiter geschlossener Kopfhörer über den ich die Klangkontrolle machen konnte

Wir hatten nun also die Stimme getrennt, aber konnten sie nicht getrennt aufzeichnen. Das was wir nun noch brauchten war:

9. Mehrkanal Mischpult – Alesis Multimix 12 Firewire
Die Wahl des Mischpultes war wohl das schwierigste am ganzen Unternehmen das wohl die meiste Zeit gefressen hat. Ich fing an mit einem USB Yamaha C01 und musste schnell feststellen, dass die kostenlos im Internet erhältlichen Programme das Mischpult nicht ansprechen können. Ich habe noch ein anderes Mini Gerät ausprobiert und ich kam immer zum selben Ergebnis: Diese Mini-Mischpulte sind der größte Mist. Nur zwei Mono Eingänge und ein Stereo reichen nicht aus. Obendrein gibt es keine visuelle Pegelanpassungen usw. Ich kann nur sagen: Finger weg von den kleinen Mischpulten.

Am Ende meiner Nerven entschied ich mich für das Alesis Multimix 12 Firewire. Es ist ziemlich überdimensioniert, weil von den 12 Eingängen nur 6 Eingänge gebraucht werden, aber damit ist man auf der sicheren Seite, wenn man mal mehr Quellen anschließen will. (Das Mischpult gibt es alternativ auch mit 8 oder 16 Kanälen) Die Wahl fiel auf dieses Gerät, weil es einen Firewire Anschluss hat!

USB ist die billigere Alternative die sich in jedem PC findet, aber die Datenübertragungsrate ist bei USB stark begrenzt. Wer USB nimmt kann also Probleme bekommen! Wenn ein Mischpult USB verwendet, dann sollten möglichst keine weiteren USB Geräte angeschlossen werden. Die USB Schnittstelle knickt in der Leistung ein, wenn mehrere Geräte angeschlossen werden. Unter USB 2.0 sollten nicht mehr als 2 Mono + 2 Stereo Eingänge verwendet werden. Firewire-400 hingegen liefert stabil eine größere Bandbreite.

10. Laptop zum Aufzeichnen der einzelnen Spuren: MSI Laptop Dual Core, 2 GHz, 4 GB RAM, 120 GB SSD Festplatte, Windows 7
Im Grunde geht auch jedes andere Laptop, solange es die Systemvoraussetzungen von Cubase erfüllt.
Allerdings gab es mit Windows Vista Probleme in der Synchronisation mit dem Keyboard und dem Mischpult. Deshalb kam der Umstieg auf Windows 7. Auf jeden Fall sollten die neuesten Treiber für alle Komponenten verwendet werden. Und ausser einem Antiviren Programm am besten nichts weiter installieren. Jedes zusätzlich installierte Programm und jeder veraltete Treiber wird die Latenzzeiten verschlechtern. Das bedeutet dann Aussetzer, schleppende Wiedergabe und Abbrüche. Um die Latenzen weitgehend auszuschließen, ersetzte ich die Festplatte gegen eine ultra schnelle SDD. Zusätzlich wurde von 2 auf 4 GB Ram aufgerüstet. Ein weiterer Tipp ist: Windows als 32 Bit Version zu nehmen, weil nicht alle VST Effekt Plugins unter 64 Bit funktionieren.

Nun kam das nächste Problem: Die Mehrspuraufnahme. Will man (und meistens muss man auch) mehr als nur eine Vocal-Spur aufnehmen, dann braucht man einen guten Spureditor. Zweifelsfrei war der im Keyboard eingebaute zwar gut, aber umständlich zu bedienen. Also brauchte es einen externen Mehrspurrekorder.

11. Cubase 6 (die große Vollversion, keine abgespeckte Version)
Bis der Weg zu Cubase gefunden war, war es ein langer und elendiger Weg mit viel Frustration.
Bei der Auswahl der passenden Software wäre ich am liebsten auf die ganz große Samplitude eingegangen. Aber die Software ist mit 2000 Euro unbezahlbar für Otto Normalverbraucher. Sonar war wegen des zu kleinen Funktionsumfangs ebenfalls keine Option. Und Cubase sollte es wegen der Bedienung eigentlich nie werden. Cubase hält sich an keine Standards in den Oberflächen oder Tastenfunktionen. Alles was man aus der Windows Welt kennt und weit verbreitet ist, funktioniert in Cubase nicht. Vergesst alle Tastenkürzel wie STRG-C oder STRG+V und erwartet nicht, dass beim Rechtsklick ein normales Kontextmenü erscheint. Alles ist anders. Drückt man „Entf“, werden ganze Spuren gelöscht statt nur das markierte, usw. Cubase ist in der Bedienung ein einziges Desaster. Als Softwareentwickler war Cubase für mich deshalb die schlimmste aller Möglichkeiten. Aber es wurde dennoch Cubase. Warum? Cubase hat die Standards der DAW (Digitale Audio Workstation) gesetzt. Deshalb darf man erwarten, dass in Cubase alles einwandfrei funktioniert. Obendrein gibt es viele VST Plugins. Zum Teil sogar kostenlos. Obendrein gibt es gute Tutorials für Cubase.

Kauft man ein kleines Mischpult wie das Yamaha C01, dann bekommt man noch eine Mini Version Cubase LE oder SE oder AI dazu. Von den abgespeckten Cubase Versionen sollte man aber am besten die Finger lassen! Cubase SE, LE, AI haben deutliche Nachteile. Das beginnt damit dass sie meist nur mit den Geräten zusammen arbeiten mit denen sie verkauft wurden. Zweitens ist z.B. die Anzahl der gleichzeitig verwendbaren Effekte auf zwei beschränkt. Sowas finde ich unbenutzbar, denn meistens braucht man drei oder mehr Effekte für Audiospuren. Zudem ist die Softwareausstattung stark reduziert.

Absolut unschlagbar ist aber, dass die Vollversion von Cubase 6 das Vario Audio besitzt. Man kann damit nachträglich gesungene Töne korrigieren.

Inzwischen war also das Heimstudio gewaltig gewachsen. Aber man will die Ergebnisse schließlich auch anhören und prüfen. Was nun noch fehlte war also:

12. Stereo Anlage und Boxen

Aber damit war das Ende noch immer nicht erreicht, denn nun trafen wir auf ein technisches Problem: Brummschleifen!

13. Steckerleiste mit Entstörfilter
14. Opto-Koppler

Nach all dieser elendigen fummelei und Aufrüstung mussten also noch ein Optokoppler her. Und die sind nicht billig! Aber da ich mit dem Lötkolben umgehen kann, konnte ich mir das Teil für 40 Euro inkl. Gehäuse selbst zusammenbauen. Dieses Gerät wird in die Audioleitung eingeschleift. Bei uns ist es zwischen Mischpult und Verstärker. Letztendlich reichte aber auch das noch nicht ganz und ich besorgte zusätzlich eine Steckerleiste mit Entstörfilter.

Dann war endlich alles brummen verschwunden. Die Technik war komplett und wir konnten durchstarten.

Endlich(!) kann mann da nur sagen. Ich würde sagen dass wir die ersten 8 Monate durch technische Probleme, Umstellungen und Erweiterungen sehr ausgebremst wurden. Man muss also viel Zeit einplanen wenn die Technik funktionieren soll. Aber man darf nicht zu früh jubeln. Denn als endlich alles lief, machte das Laptop Schwierigkeiten. Die interne Stromverteilung war lädiert. Um keine Probleme beim Umstieg auf ein anderes Laptop zu bekommen, besorgte ich das gleiche Laptop nocheinmal. Zwar konnte ich die Hardwareerweiterungen aus dem ersten Laptop weiter verwenden und brauchte nichts neu installieren, aber nun tat es die Firewire Schnittstelle am neuen Laptop nicht mehr. Kurz gesagt: Ich besorgte eine Firewire Steckkarte die über den PCMCIA / Cardbus in das Laptop gesteckt wird und die interne Firewire-Buchse ersetzte. Jetzt läuft endlich alles.

So sieht unsere Ausstattung aktuell aus:

* Tyros 3 Keyboard mit Chorstimmen Erweiterung
* Phillips Mikrofon +  Ständer
* Alesis Multimix 12 Firewire Mischpult
* Cubase 6 (die große Vollversion, keine abgespeckte Version)
* MSI Laptop Dual Core, 2 GHz, 4 GB RAM, 120 GB SSD Festplatte, Windows 7
* Zwei Kopfhörer (geschlossen)
* Audio Verstärker + Boxen
* Entstörfilter gegen Brummschleifen, Optokoppler
* USB2Midi-Kabel zum/vom Laptop
* Jede Menge Adapter und Kabel

Wer Cubase erlernen will, kann bei YouTube viele Tipps finden. Aber wer so richtig einsteigen will, der besorgt sich den „Hands on Cubase“ Kurs auf DVD. Der Kurs befindet sich auf 5 DVDs und enthält 38 Stunden Laufzeit in denen man vom blutigen Anfänger zum Profi werden kkann. Die Serie ist sehr gut. Pro DVD kostet sie allerdings zwischen 30 und 50 Euro.

Meistens liegt auf dem Instrumental und/oder auf dem Gesangsteil ein leichter Hall. Mehr Volumen bekommt eine Aufnahme, indem man den Gesangspart mehrfach aufnimmt und gleichzeitig abspielt. Wenn am Ende alle Kanäle zusammen wiedergegeben werden sollen, sollte die Ausgabe einen sogenannten Kompressor durchlaufen. Dabei werden alle Kanäle auf die gleiche Lautstärke angehoben und der Sound wird wuchtiger.

Generell kann ich jedem nur raten einen Proberaum zu mieten oder sich in den Keller zu verziehen. Dann wenn immer die gleichen Stellen gesungen werden, kann das den Nachbarn (oder Mirbewohnern) schnell auf die Nerven gehen. Wir hatten Glück und meine Nachbarn haben bisher von Spiel und Gesang fast nichts mitbekommen.

Auf jeden Fall ist so eine Unternehmung sehr interessant. Man weiß nie was dabei am Ende herauskommt. Stücke bei denen ich dachte „Das wird nie was!“, wurden die bisher besten Ergebnisse. Wir nehemen alles quer Beet. Eben was gerade so einfällt. Die erste und meiner Meinung nach beste Umsetzung ist „Slave to the rythm“. Wir bewegen uns musikalisch zwischen Pop, Schlager und Musical irgendwo zwischen 1970 bis 1990. Ich bin gespannt was wir sonst noch so aufnehmen werden.